Wir kamen am Morgen an. Schon beim Aussteigen aus dem Flugzeug in Shangri-La, das auf ca. 3.300 Metern Höhe über dem Meeresspiegel liegt, war die Luft spürbar dünner, aber auch erstaunlich klar. Die Zahl lässt sich rational erfassen, das leichte Schwindelgefühl im Kopf weniger. Also beschlossen wir, nichts zu überstürzen. Ankommen, einchecken, viel Wasser trinken. Vor allem aber: bewusst atmen und dem Körper Zeit geben, sich langsam an die Höhe zu gewöhnen. Dieses erzwungene Innehalten hat etwas Beruhigendes. Es verlangsamt nicht nur den Schritt, sondern schärft auch die Wahrnehmung.
🙏 Aufstieg zum Gebetsrad von Guishan – ein Moment des Innehaltens
Am Nachmittag fühlten wir uns fit genug für einen ersten Ausflug und machten uns auf den Weg zum Guishan-Park (🎬). Der Aufstieg ist gerade fordernd genug, um den Kreislauf in Schwung zu bringen – ein vorsichtiger Test, wie gut wir mit der Höhenluft zurechtkommen.

Oben angekommen, stand er plötzlich vor uns: der größte Gebetszylinder der Welt. Ein monumentaler, glänzender Körper, so schwer und massiv, dass es mindestens acht Menschen braucht, um ihn in Bewegung zu setzen.
Wir reihten uns in den stetigen Strom aus Pilgern und Besuchern ein und suchten uns einen Platz an der breiten Stange. Durch den gemeinsamen Schub der Menschenmenge setzte sich der vergoldete Zylinder langsam in Bewegung. Dabei hallte ein dumpfes, gleichmäßiges Grollen durch die Luft.


Der lokalen Überlieferung zufolge entspricht jede Drehung im Uhrzeigersinn dem Rezitieren von 1,24 Millionen Gebeten. Wer das Rad – wie die Mönche, die wir im Gedränge beobachteten – dreimal bewegt, dem sollen Segen zuteilwerden und dessen Wünsche sollen in Erfüllung gehen.
Während sich das Rad drehte, öffnete sich der Blick über das Tal: Ziegelrote Dächer verteilen sich über die Hänge, Gebetsfahnen überlassen ihre Gebete dem Wind und darunter liegt die sanft vom Tageslicht erleuchtete Altstadt von Dukezong.


🚶♂️Spaziergang durch Dukezong

🌙 Die Stadt im Mondlicht
Man hat das Gefühl, als würde sich in Dukezong eine Tür zu einer längst vergangenen Zeit öffnen.

Der Name bedeutet im Alt-Tibetischen „Stadt des Mondlichts“. Der Legende nach steht ihr jenseits des Tals Niwangzong die „Stadt des Sonnenlichts” gegenüber. Zusammen verkörpern sie ein Gleichgewicht und tragen den poetischen Titel „Sonne und Mond im Herzen“.
Diese stille, beinah surreal anmutende Atmosphäre inspirierte James Hilton einst zu seinem Roman „Lost Horizon“. Das darin beschriebene Shangri-La, ein zeitloser Ort des Friedens, scheint hier für viele eine reale Entsprechung gefunden zu haben.



Dukezong selbst blickt auf eine über tausendjährige Geschichte zurück und ist zugleich eine Stadt des Wiederaufbaus. Nach schweren Bränden neu entstanden, ziehen sich heute gelb getünchte, holzgerahmte Häuser die Hänge hinauf. Dukezong gilt als die größte und am besten erhaltene tibetische Siedlung Chinas. Einst nach dem Vorbild des mythischen Königreichs Shambhala angelegt, war Dukezong ein bedeutender Knotenpunkt an der alten Tee-Pferde-Straße, dem historischen Karawanenweg zwischen China und dem tibetischen Hochland.


Im warmen Abendlicht beginnen die alten Gebäude und die bunten Gebetsfahnen zu leuchten. Wir schlendern durch die Altstadt, vorbei an Läden mit feinem Kunsthandwerk, während leise tibetische Musik durch die Straßen hallt.

Mit Einbruch der Dämmerung wird Dukezong lebendig. Auf dem Platz des Mondlichts (月光广场) formieren sich spontan Menschenmengen zum Guozhuang-Tanz (锅庄舞) (🎬 24 s).


Wer möchte, kann sich einfach einreihen. Die Schritte sind leicht zu lernen und die Stimmung ist herzlich. Es gibt keine falschen Bewegungen, sondern nur den gemeinsamen Rhythmus einer Gemeinschaft, die einen mit offenen Armen willkommen heißt.
✍️Hinweise für Touristen
- So zeigst du Respekt vor tibetischen Traditionen: Nicht auf Stupas klettern, Gebets- und Mani-Räder stets im Uhrzeigersinn drehen, eine Khata (zeremonielle Seidenschal) mit beiden Händen annehmen und in Tempeln auf Fotografieren verzichten.
- Richtige Kleidung für die Höhenlage: Das Wetter wechselt oft und schnell. Eine Jacke ist für kühle Abende und wolkige Tage unverzichtbar. Wer nicht vorbereitet ist, findet in der Altstadt zahlreiche schöne und preiswerte Schals oder Schultertücher, die in der nächtlichen Bergluft angenehm wärmen.
- Sehenswürdigkeiten in Dukezong: Guishan-Park und das große Gebetsrad, die Thangka-Malerei-Akademie, der Platz des Mondlichts, der abendliche Guozhuang-Tanz und die Dukezong-Blumenstraße.



👣Dukezong hautnah erleben
- Drehe das größte Gebetsrad der Welt!
Im Guishan-Park helfen Einheimische und Besucher gemeinsam, den gewaltigen goldenen Zylinder zu bewegen. Drei Drehungen, so sagt man, tragen den Wunsch bis in den Himmel.
Am höchsten Punkt des frei zugänglichen Parks befindet sich der Dafo-Tempel (大佛寺), ein tibetisch-buddhistisches Heiligtum.

Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick über die Altstadt von Dukezong und das umliegende Tal. Besonders eindrucksvoll ist der Moment bei Sonnenuntergang, wenn Gebetsrad und Tempel im Licht des Hochplateaus aufleuchten. Wer Ruhe sucht, kommt am besten früh am Morgen. Die Aussicht ist ebenso eindrucksvoll, aber ganz ohne Trubel.

- Trage traditionelle tibetische Tracht!
Das Ausleihen tibetischer Trachten ist bei Touristen äußerst beliebt und die Preise erschwinglich. In der Nebensaison erhält man ein komplettes Outfit inklusive Make-up bereits für rund 60 Yuan. Mehrere Fotostudios bieten zudem Porträts an – ein besonderes Andenken an diese Reise ins Hochland.
- Nimm an einem Guozhuang-Tanz teil!
Jeden Abend zwischen 19 und 20 Uhr versammeln sich die Menschen auf dem Platz des Mondlichts. Die Atmosphäre ist ungezwungen, fröhlich und ansteckend.
- Genieße ein authentisches tibetisches Abendessen!

Ein Muss in dieser Höhe ist das Trio aus kräftigem Yak-Hotpot (牦牛肉火锅), herzhaften Gerstenfladen (青稞饼) und charakteristischer Buttertee (酥油茶).
🍲Unsere Kulinarische Entdeckung: Xiao Qiao Liu Shui Ren Jia (小桥流水人家)
Dieses Restaurant mitten in der Altstadt ist besonders empfehlenswert. Über die App Dianping haben wir uns ein Yak-Hotpot-Menü für zwei Personen zum halben Preis gesichert.

Unser Tipp: Geht direkt in den zweiten Stock und wählt einen Fensterplatz. Der Blick auf das große Gebetsrad, das von goldenen Dächern überragt wird und im Sonnenlicht erstrahlt, ist wirklich beeindruckend (🎬 50 s).
🍖Yak-Hotpot
Das Fleisch der Yaks von den hochgelegenen Weiden ist mager, zart und bissfest. Es schmeckt klar und natürlich, feiner als Rind und kräftiger als Lamm.

Die Brühe basiert auf Yak-Knochen, ist reichhaltig und leicht süßlich. Darin köcheln saftige Stücke von Sehnen, Rippen und Markknochen. Eine feine Note wilder Minze, typisch für alpine Weiden, verleiht dem Gericht Tiefe.
Serviert wird der Hotpot mit einer vielfältigen Auswahl an Zutaten: zartes Haxenfleisch, weich-gelatinöse Sehnen, fleischige Rippen und sogar Stücke vom Huf. Dazu gibt es breite Nudeln und frisches Gemüse.



🥞 Gerstenfladen aus Qingke (青稞)
Frisch aus der Pfanne sind sie außen knusprig und innen aromatisch und nussig. Qingke ist eine besondere, robuste Form von Hochlandgerste, die fast ausschließlich auf dem tibetischen Hochplateau angebaut wird und dort seit Jahrhunderten ein Grundnahrungsmittel ist. Sie verleiht den Fladen eine rustikale, leicht süßliche Note.
☕️Buttertee
Ein Grundnahrungsmittel der tibetischen Küche aus schwarzem Tee, Yakbutter und Salz. Er ist herzhaft, cremig und wärmend und ein fester Bestandteil des tibetischen Alltags, der dabei hilft, der Kälte der Berge zu trotzen.
Wir saßen am Fenster, eingerahmt vom großen Gebetsrad und einem tiefblauen Himmel. Bis zur Dämmerung blieben wir, beobachteten, wie das Gold des Rades langsam im dunkler werdenden Blau aufleuchtete – ein stiller, vollkommen runder Moment.
„Manche Dinge, denen wir auf einer Reise begegnen, ziehen vorüber und bleiben uns für immer fern. Andere jedoch nehmen dauerhaft Platz in unserer Seele ein, formen und verändern uns, bis sie ein Teil von uns werden.“
– Shi Tiansheng, chinesischer Schriftsteller, bekannt für seine reflektierenden Texte über Schicksal, Leben mit Behinderung und die Widerstandskraft des menschlichen Geistes.
Nächster Halt: das Kloster Ganden Sumtseling. Mehr dazu im nächsten Kapitel. In diesem Sinne: Tashi Delek (བཀྲ་ཤིས་བདེ་ལགས་), ein tibetischer Gruß, der so viel bedeutet wie: „Möge alles gut sein.“ ✌️





